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Walpoles Erben in Downing Street – „Die meisten Dinge sind völlig unwichtig!“

Christian Schnee

Chapter 12 in Das Vereinigte Königreich, 2022, pp 229-264 from Springer

Abstract: Zusammenfassung Seine Nase spitz, die Augen blau und hellwach, das graue Haar streng nach hinten gekämmt, der Gehrock schwarz und das seidene Tuch mit Schleife lässig um den Hals gebunden, wie es üblich ist in der Regency Ära, als der Dandy Beau Brummel den modischen Ton in den feinen Kreisen der Londoner Gesellschaft prägt. Beamte, Bittsteller und Honoratioren der Tories und Whigs beobachten, wie am späten Nachmittag die schlanke Gestalt Spencer Percevals den Parlamentsplatz überquert, dann den Palast von Westminster betritt, die Korridore durchschreitet und Treppenfluchten hinaufeilt auf dem Weg ins Unterhaus. Dorthin hat der Sprecher den Premierminister zitieren lassen, als Mitglieder der Kammer seine Abwesenheit bei der Debatte beklagen. Als Perceval den prächtigen Kuppelraum der Parlamentslobby erreicht, verstellt ihm ein Mann den Weg, zieht eine Pistole und schießt. Perceval taumelt, ruft noch „Mord. Oh mein Gott!“ Dann fällt er zu Boden. Erst als der Körper umgedreht wird, erkennt man das Opfer. Minuten später stellt der Arzt seinen Tod fest. Hätte der dreiundvierzigjährige Kaufmann John Bellingham aus Cambridgeshire an jenem 11. Mai 1812 kurz nach fünf Uhr nicht den Abzug gedrückt, wäre Perceval heute keine Erwähnung wert. Der Schriftsteller Charles Dickens nannte den Sohn des protestantisch-irischen Earls of Egmont einen „drittklassigen Politiker“, der seinen Vorgängern das Wasser nicht reichen konnte (Gray 1963). Zu seinem 200jährigen Todestag beschrieb Bruce Anderson (2012) im Daily Telegraph ihn als Premierminister, den die Geschichte vergessen hat. Dabei hätte das Land dem Mann zu danken, der sich als Gegner des Sklavenhandels und Fürsprecher der katholischen Minderheit einen Namen gemacht hatte. Als der Vater von 13 Kindern 1809 in Downing Street einzog, war das Land im Krieg gegen Frankreich. Perceval trotzte Kritikern und beharrte darauf, dass die britische Expeditionsarmee unter dem Kommando von Arthur Wellesley, dem künftigen Herzog von Wellington, in Portugal den Krieg gegen Napoleons Marschälle fortsetzte. Damit legte er die Grundlage für Großbritanniens Sieg gegen Frankreich in den folgenden Jahren (Linklater 2013). Mit einer Handelssperre wollte Perceval den Rivalen auf dem Kontinent in die Knie zwingen und befahl dafür der Royal Navy, Frachtschiffe mit Kurs Richtung Frankreich aufzubringen. Die Kosten dieses Handelskrieges hatten nicht nur die Franzosen zu tragen. Auch die britische Volkswirtschaft litt und Kaufleute standen vor dem Ruin. Einer davon war jener John Bellingham, der – womöglich verwirrt, sicher aber in ökonomischer Not – die Waffe zog. 185 Jahre später kam es zur Revanche in Kings Lynn, einer Kleinstadt im Wahlkreis Nord-West-Norfolk. Es ist die Nacht des 1. Mai 1997. Auf einer Bühne stehen nebeneinander lokale Kandidaten für die Parlamentswahl. In den vergangenen Wochen waren sie in Huntstanton, Grimston, Spellowfields und anderen Marktstädtchen im Osten des Landes auf Wahlkampftour unterwegs gewesen. Jetzt warteten sie auf die Verkündung des Ergebnisses für ihren Wahlkreis. Jeder hatte geahnt, dass die Verteidigung seines Mandats im Unterhaus für den konservativen Abgeordneten eine knappe Angelegenheit werden würde. Das Ergebnis, als es am frühen Morgen – die letzten Stimmen waren gerade ausgezählt – bekannt gegeben wurde, war dennoch eine Überraschung. Der konservative Politiker Henry Bellingham, ein Nachkomme des Perceval-Mörders, kam nur auf das zweitbeste Ergebnis im Wahlkreis und hatte somit seinen Sitz im Parlament von Westminster an die erstplatzierte Konkurrenz von Labour verloren. Bellinghams Niederlage wurde damit erklärt, dass er zu viele seiner Anhänger an die kleine Referendum-Partei verloren hatte, dessen Kandidat Roger Percival sich trotz der unterschiedlichen Schreibweise auf verwandtschaftliche Bande zu seinem ermordeten Vorfahren berief (Parkinson 2009).

Date: 2022
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