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Eigenverantwortlich, informiert und anspruchsvoll...: Der Diskurs um den mündigen Patienten aus ärztlicher Sicht

Anja Dieterich

No SP I 2006-310, Discussion Papers, Research Group Public Health from WZB Berlin Social Science Center

Abstract: Der mündige Patient ist populär. Verschiedenste gesundheitspolitische Akteure verwenden diesen Begriff überraschend einhellig. Auffällig ist, dass dem mündigen Patienten ein breites Spektrum an Aufgaben und Eigenschaften zugewiesen wird, z. B. mehr Partizipation, mehr finanzielle Verantwortung oder mehr Compliance. Es ist zu vermuten, dass der mündige Patient als strategischer Begriff dient, hinter dem inhaltlich heterogene Konzepte stehen. Die Studie fokussiert auf die ärztliche Perspektive: Wie wird der mündige Patient von der Ärzteschaft bewertet? Welche Eigenschaften und Aufgaben werden ihm zugesprochen? Welche Interessen und Ziele werden verfolgt? Die empirische Grundlage bilden Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt, zentralem Publikationsorgan von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung. Mit einer systematischen Literaturrecherche wurden im Zeitraum 1996-2005 insgesamt 73 Artikel einbezogen, die den mündigen Patienten thematisieren. Die Textanalyse erfolgte mit Methoden qualitativer Sozialforschung, die Untersuchungsperspektive orientierte sich an der Diskursanalyse nach Keller, 2004. Die gefundenen Einschätzungen des mündigen Patienten sind heterogen. In den vier abgrenzbaren Diskurssträngen 'Recht und Ethik', 'Wissen und Information', 'Strukturprobleme' und 'Finanzierungsfragen' finden sich jeweils charakteristische Positionierungen: Idealbildern von aktiven und eigenverantwortlichen PatientInnen, die mit ihren ÄrztInnen kooperieren, stehen bedrohlichere Szenarien gegenüber, in denen per Internet informierte, anspruchsvolle PatientInnen ihre ÄrztInnen fachlich infrage stellen. Wesentliche Gemeinsamkeit der gefundenen Positionierungen ist es, dass sie das individuelle Handeln von PatientInnen in den Mittelpunkt stellen und es in eine gewünschte Richtung verstärken oder schwächen, fördern oder modifizieren wollen. Damit fügt sich der Diskurs um den mündigen Patienten in übergeordnete gesellschaftliche Modernisierungsprozesse ein, die neue Entfaltungsmöglichkeiten, aber auch neue Formen der Einbindung und Zwänge zur selbstverantwortlichen Lebensgestaltung mit sich bringen.

Date: 2006
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