Tarifgeltung und Lohnquote im internationalen Vergleich
Christoph Schröder
No 35/2026, IW-Reports from Institut der deutschen Wirtschaft (IW) / German Economic Institute
Abstract:
Untersucht wird, ob ein hoher Tarifgeltungsgrad die funktionale Einkommensverteilung zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern beeinflusst. Dies wird an der Lohnquote gemessen. Politische Initiativen wie das Bundestariftreuegesetz und die EU-Mindestlohnrichtlinie zielen darauf ab, die Tarifgeltung auszuweiten. Aus theoretischer Sicht ist ein starker Einfluss der Tarifgeltung auf die Lohnquote jedoch wenig plausibel. Höhere Tariflöhne verteuern den Produktionsfaktor Arbeit in Relation zum Kapital, was langfristig Substitutionseffekte zwischen Kapital und Arbeit auslösen und die Lohnquote senken kann. Zudem können überhöhte Löhne die Beschäftigung gefährden und Rationalisierungen erzwingen, um die Produktivität anzupassen. Die empirische Analyse zeigt im internationalen Vergleich eine große Spannweite beim Tarifgeltungsgrad: Sie reicht von nahezu hundert Prozent in Frankreich bis zu weniger als ein Prozent in Estland. Den in der EUMindestlohnrichtlinie definierten Referenzwert von 80 Prozent erreichten im Jahr 2022 zehn Länder, darunter Frankreich, Österreich, Belgien und die skandinavischen Staaten. Deutschland lag bei rund fünfzig Prozent. Hinsichtlich der Lohnlücke zwischen tarifgebundenen und nicht gebundenen Beschäftigten ergibt sich kein einheitliches Bild. In Ländern mit hoher Tarifgeltung ist der Lohnvorteil tarifgebundener Beschäftigter meist gering oder sogar negativ, wie in Schweden oder Dänemark. In Deutschland beträgt die unbereinigte Lohnlücke etwa 27 Prozent, bereinigt jedoch nur rund 5 Prozent, was auf Selektionseffekte zurückzuführen ist, da vor allem produktivere Unternehmen Tarifverträge anwenden. Der internationale Querschnittsvergleich bestätigt die theoretischen Überlegungen, wonach es keinen engen Zusammenhang zwischen dem Grad der Tarifgeltung und der Höhe der Lohnquote gibt: Länder mit hoher Lohnquote wie Kroatien oder Lettland weisen sehr unterschiedliche Tarifgeltungsgrade auf. Dies belegt auch eine einfache Modellrechnung für Deutschland: Ein Anstieg des Tarifgeltungsgrads von 50 auf 80 Prozent würde die Lohnquote lediglich um etwa 1,1 Prozentpunkte steigern können, wenn man den bereinigten Lohnvorteil tarifgebundener Firmen von maximal 5 Prozent zugrunde legt. Die Ausweitung des Geltungsbereichs von Tarifverträgen erweist sich somit nicht als wirksames Instrument zur Umverteilung zwischen Arbeit und Kapital.
JEL-codes: D33 J50 O49 (search for similar items in EconPapers)
Date: 2026
New Economics Papers: this item is included in nep-eur and nep-ger
References: Add references at CitEc
Citations:
Downloads: (external link)
https://www.econstor.eu/bitstream/10419/343051/1/1980568626.pdf (application/pdf)
Related works:
This item may be available elsewhere in EconPapers: Search for items with the same title.
Export reference: BibTeX
RIS (EndNote, ProCite, RefMan)
HTML/Text
Persistent link: https://EconPapers.repec.org/RePEc:zbw:iwkrep:343051
DOI: 10.67087/12.21365
Access Statistics for this paper
More papers in IW-Reports from Institut der deutschen Wirtschaft (IW) / German Economic Institute Contact information at EDIRC.
Bibliographic data for series maintained by ZBW - Leibniz Information Centre for Economics ().